Gleichstellung: Wildfeuer kritisiert „inakzeptablen Zustand“ in Deutschland

„Nach wie vor befindet sich Deutschland auf einem der hinteren Ränge in Europa, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Frauen haben noch nicht die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt und sind viel häufiger von Altersarmut betroffen. Das ist ein inakzeptabler Zustand“, kommentierte die Bundesvorsitzende der dbb bundesfrauenvertretung, Helene Wildfeuer, am 18. November 2014 einen neuen Bericht für das Europäische Parlament mit dem Titel „Wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Lage der Frauen auf dem Arbeitsmarkt der Europäischen Union“. In einem so genannten Gleichstellungsindex werden verschiedene Faktoren wie zum Beispiel Arbeit, Macht und Gesundheit verglichen. Deutschland liegt bei wichtigen Indikatoren deutlich unter dem EU-Schnitt.

„Deutschland macht wenig bis gar keine Fortschritte beim geschlechtsspezifischen Lohngefälle. Die strukturellen Gründe dafür sind aber nicht in Stein gemeißelt, andere europäische Staaten sind bereits deutlich weiter“, so Wildfeuer. Teilweise habe sich das Gefälle allerdings auch nur verringert, weil besonders von Männern dominierte Wirtschaftszweige vom Abschwung betroffen waren. „Die Verschlechterungen für ein Geschlecht als Verbesserung für das andere zu verkaufen, ist ein billiger Trick. Langfristig muss es um gleich gute Arbeitsbedingungen für alle gehen und nicht um gleich schlechte.“ Bis dahin sei es aber offensichtlich noch ein weiter Weg. „Die Länder mit einer verbindlichen Geschlechterquote stehen im Schnitt aber besser da. Auch Deutschland muss sich noch stärker verbindlichen Quoten öffnen“, fordert Wildfeuer.

Das Lohngefälle präge besonders spürbar die Rentenansprüche von Frauen. Laut des EU-Berichts haben Frauen in Deutschland einen im Schnitt um 44 Prozent geringeren Rentenanspruch als Männer. EU-weit liegt diese Zahl bei 39 Prozent. „Frauen arbeiten in Deutschland noch besonders häufig in Teilzeit, ein großer Teil von ihnen allerdings unfreiwillig. Die Übergänge von Erziehungszeiten zurück ins Berufsleben und damit zurück auf den Karriereweg sind in Deutschland besonders holprig. Das spüren die Frauen später in ihrer Altersvorsorge.“ Um hier eine substantielle Veränderung zu erreichen, müsse es einen gesellschaftlichen Wandel geben. Die Karriere von Frauen dürfe nach einer Familienauszeit keinen irreparablen Schaden nehmen: „Trotz anderslautender Beteuerungen ist dies leider häufig noch nicht der Fall. Wichtig ist, die unterschiedliche Lebensläufe von Frauen und Männern zu berücksichtigen, auch Teilzeit in Führungspositionen als etwas ganz Normales zu betrachten, denn nur so können Frauen der Teilzeitfalle entgehen. Ebenfalls unerlässlich ist eine gute, bezahlbare und verlässliche Kinderbetreuung, die es Frauen und Männern erlaubt, Familie und Beruf zu vereinbaren, ohne auf vollzeitnahe Teilzeit oder Vollzeitarbeit zu verzichten.“

Positiv hob Wildfeuer hervor, dass der Bericht einen direkten Zusammenhang zwischen gewerkschaftlicher Organisation und einem geringeren Lohngefälle aufzeige. Dies sei zum Beispiel im öffentlichen Dienst mit starken Sozialpartnern zu beobachten. „Gewerkschaften können maßgeblich zu einem verbesserten Arbeitsumfeld für alle Arbeitnehmer beitragen. Es geht um Ausgleich und faire Behandlung. Nicht in allen Ländern können Gewerkschaften aber uneingeschränkt ihrer Arbeit nachgehen.“ Die EU müsse, zum Beispiel im Rahmen des europäischen Semesters, noch verstärkt auf die positive Wirkung starker Sozialpartnerschaften hinweisen und entsprechend auf die Mitgliedstaaten einwirken.

 

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